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Facebook-Post vom 01.Dezember 2020

Originalbeitrag unter:

https://www.facebook.com/agatapaulina.clasen/posts/3651309158225731


Es ist ein schleichender Prozess. Eines der Hauptprobleme in Bezug auf uns Kulturschaffende besteht in Zeiten der Corona-Pandemie darin, dass wir Akteure einem schleichenden Prozess unterliegen, der in seiner Summe und im Cocktail, der uns serviert wird, sein Gift langsam aber sicher entfaltet. Dabei möchte ich sichtbar machen, aus welchen Zutaten dieser Mix besteht und warum er speziell bei Kulturschaffenden so wirken kann. Denn an sich können wir sehr gut auf schnellen Wandel durch unsere hohe Kreativität und Flexibilität, durch einen hohen Grad an Selbstreflexion und Eigenverantwortung reag­ieren. Wir sind also, eigentlich, total krisensicher, deutlich länger, als Menschen, die zum Beispiel aus dem angestellten Verhältnis kommen. Was jedoch normalerweise den Ausgleich dafür schafft, dass wir uns in wenig fest strukturierten, schwach abgesicherten Kontexten bewegen, in denen wir für alles selber haften und Verantwortung übernehmen, um uns immer wieder neu zu erfinden, ist die Freiheit. Wir nehmen also einen strukturschwachen, undefinierten Raum in Kauf dafür, dass wir Freiheit genießen. Dabei genießen wir sie nicht nur, sie ist das Hauptelement, um kreativ arbeiten zu können. Durch das wiederholte Ausrufen von Verboten speziell unsere Branche betreffend, gerät diese Rechnung immer weiter aus dem Gleichgewicht. Das ist besonders problematisch, denn wir befinden uns weiterhin in einem „undefinierten Raum“. Da ist niemand, der uns von berufswegen her kontinuierliche Struktur bietet: kein Chef, kein Vorstand, kein Team von Kollegen, kein fester Arbeitsplatz, kein festes Gehalt, kein Weihnachtsgeld, kein Bonus, während uns aber auf der anderen Seite die Freiheit zu gestalten immer und immer wieder entzogen wird. Das Minus, das wir sonst in Kauf nehmen und was auch die Beweglichkeit ermöglicht, bekommt auf der anderen Seite keinen Ausgleich. Für eine zu lange Zeitspanne. Das innere Sprudeln, die Lebensfreude wir zunehmen unterwandert. Das ist ein ernstes Problem, denn Depressionen in Kombination mit begründeten Ängsten und Isolation werden zu unseren täglichen Begleitern, machen uns krank. Selbst weiche Strukturen, die in Form von Netzwerken gewirkt haben, zerfasern, da die Orte der Begegnung geschlossen bleiben, da jeglicher Anlass zur Planung und Umsetzung sich in Sinnlosigkeit verflüchtigt. Das ist ein schleichender Prozess, aber er passiert. Das sehe ich bei vielen meiner Kollegen, wie es genau JETZT seine Wirkung entfaltet, das Gift, das bei uns greift, gerade weil wir per Definition Freiheit zum arbeiten brauchen, als Gegengewicht zu der Strukturlosigkeit. Das Bild des Vogels im Käfig ist alt und abgedroschen, aber es passt einfach zu 100%. Wir werden unseres Elements beraubt. Statt die Kreativen zu Rate zu ziehen, zu fragen: „Was würdet ihr machen, was schlagt ihr vor“, fährt die Politik ihre gepanzerten Strategien, die vom Wesen her auf Pragmatismus und Erhalt des Status Quo gebaut sind, das Element der Luft, die Freiheit als solches gar nicht kennen oder sehen können, im schlimmsten Fall noch durch harte Lobbyarbeit der sowieso strukturstarken kommerziellen Branchen gepusht uns die letzte Luft zum Atmen nehmend. Unsere Kompetenzen werden nicht eingeholt, die drögen Politiker bleiben ihrem Verwalterstatus treu und lassen das Beseelte des eigenen Landes langsam aber sicher in eine kollektive Depression abrutschen. Schleichend, aber konsequent. Besonders resiliente und von Natur aus bodenständige Kollegen leisten herausragende politische auf Kosten ihrer eigenen künstlerischen Arbeit, rufen dazu auf, sich in Verbänden zu formieren. Absolut richtig und wichtig, da diese Struktur das einzige ist, was einen Ausgleich zur fehlenden Freiheit erzeugt. Dabei müssen wir uns jedoch an den Boden der Tatsachen ketten, was unsere Kreativität zum Preis hat. So oder so, das Kreative wird abgehängt, versackt entweder in Depression oder wird durch lautes Rufen nach Gerechtigkeit übertönt. Es wird während der Corona-Pandemie genau das verstärkt und gnadenlos sichtbar gemacht, was in diesem Land sowieso seit seiner eigenen kulturellen Ausbombung im 2. Weltkrieg geschehen ist: das Herabsetzen von Kunst und Kultur auf eine Ebene mit Freizeitbespaßung im Sinne der Ablenkung, das Ersetzen von Kultur durch Konsum, einem ungesunden Subliment, das eher als Droge zur Lustbefriedigung auf uns wirkt, statt als gute Seelennahrung. Es wurden mittlerweile von diversen Seiten geistreiche Abhandlungen darüber verfasst, welche eigentliche Rolle Kultur innerhalb einer Gesellschaft inne hat. Sie ist humanisierend, fördert die Innenschau, regt den Dialog und Offenheit an, fördert Interdisziplinäres, fördert Reife, erbaut, hält gesund. Ja, sie erhält die Gesundheit! Mein Appell lautet: Kultur muss als Teil eines ganzheitlichen Gesundheitssystems wahrgenommen und eingestuft werden. Denn es gibt neben der rein physischen auch die psychische Gesundheit und die steht in, wie wissenschaftlich bewiesen ist, in DIREKTER Verbindung zur körperlichen Gesundheit. Kunst basiert auf Freiheit. Wir sind kein Shop, den man auf- und zumachen kann. Wir sind keine Ware, die man zwischenzeitig aufhört zu konsumieren. Wir sind ein ESSENTIELLER Teil von menschlichem Dasein. Wir sind Ausdruck von Menschlichkeit. Wie kann man dem Menschen verbieten zu singen? Wir müssen unsere Prioritäten gesamtgesellschaftlich überdenken und prüfen. Wir müssen begreifen, dass Kultur kein Produkt ist, das wie ein Luxusgut daherkommt. Ich wiederhole: Wir sind kein Supermarkt, den man auf- und zumacht. #Alarmstuferot, nicht nur finanziell-wirtschaftlich. Wir sind als Gesellschaft gerade dabei, unsere kulturellen Ressourcen zu verbrennen, nämlich uns Kulturschaffende selbst. Zeigt euch solidarisch mit uns, zeigt euch solidarisch mit dem Kern von Menschlichkeit. Würdigt das heilige in Musik und Kunst, würdigt damit das Heilige und Schöne in Euch.

(Agata Paulina Clasen / Musikerin)

Photo: Marthe Marie Idili



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Photo Credits

Portraits • Daniel Schlegel

Live E-Gitarre • Till Haupt

Agata Paulina (weit weg) • M.M. Idili

MEDEA Band • Anne Oschatz

© 2021 Agata Paulina Clasen

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